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Mach mich (nicht) fertig

Von: Lesezeit: 3 Minuten
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Die gute und gar nicht mehr so junge Convenience-Produktion meldet sich endlich selbst zu Wort. Warum sie sich im Kartoffel-Outfit neuerdings pudelwohl fühlt – und was ihr erster echter Liebhaber Louis damit zu tun hat.

Es ist kompliziert. Und wenn ich so darüber nachdenke, frage ich mich, wie es nur so weit kommen konnte. Dabei bin ich eigentlich selbst schuld.
Es ist etwa dreißig, vierzig Jahre her. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, wo meine Geltungssucht mit mir durchging – und ich alles mit mir machen ließ. Wirklich alles. Man verkaufte mich als Käse, obwohl alles außer Milch durch meine Venen floss. Oder als Bolognesesauce, obwohl ich mit Ketchup und osteuropäischem Pferdefleisch vollgepumpt war. Und als Burger bezeichnete man mich sowieso nur allzu oft als hausgemacht, obwohl ich tiefgefroren mit Patties, die mehr Antibiotika als Proteine beinhalten, in die Burgerbuden eintrudelte. Ich könnte diese Liste endlos weiterführen – oder auch nicht. Eine Prostituierte führt schließlich auch nicht gerne Buch über ihre ekligsten Freier. Jedenfalls: Ich habe mich verändert. Das finde nicht nur ich, das sagen auch viele meiner Küchenchefs und deren Gäste. Das führt auch zum angenehmen Nebeneffekt, dass man sich weniger für mich schämt. Schließlich erkennen immer mehr meine, sagen wir es ruhig,  „Systemrelevanz“.

Wie gesund sind Convenience-Produkte?

Image: Adobe Stock qwartm

Ach, Louis

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Ich wurde aus einer Notwendigkeit heraus geboren. Wann genau, darüber mögen sich bitte die Food-Historiker streiten. Geht es nach mir, dann bin ich eigentlich eine steinalte Jungfer. 211 Jahre, um genau zu sein. Schließlich war es – so sehe ich das – die Erfindung der Konservendose im Jahr 1810, die mir erlaubte, meine ersten Schritte zu gehen. Nahrung konnte damit in luftdichten Behältern konserviert werden, und wenig später entließ mich der gute alte Louis Pasteur in meine wilden Teenie-Jahre, indem er das nach ihm benannte Verfahren der Pasteurisierung erfand, heißt: die Haltbarmachung von Lebensmitteln durch Erhitzung. Überhaupt ist mein Schicksal eng mit allen großen wissenschaftlichen Errungenschaften verwoben. Ich erinnere mich auch an die Erfindung des Kühlwagens Ende der 1870er. Was war das für eine Zeit! Fleisch konnte so erstmals Hunderte von Kilometern transportiert werden und die vielen Kriege, die bis 1945 den europäischen Kontinent erschütterten, führten zu einer Perfektionierung der Kühlketten-Technik. Die wilden und, man kann es gar nicht anders sagen, fetten Jahre hatte ich aber noch vor mir. Ja, in der Nachkriegszeit ließ ich es wirklich ordentlich krachen. Dabei nutzte ich die Gegebenheiten dieser neuen Zeit schamlos aus: Mit immer weniger Menschen pro Haushalt und immer mehr Frauen, die verzweifelt versuchten, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, blieb niemandem viel Zeit, groß aufzukochen. Die Lösung: meine Wenigkeit in Form von Maggi-Kartoffelpüree, Knorr-Kraftbrühe oder Dr.-Oetker-Vanillepudding. Aber nicht nur die verzweifelte Hausfrau, auch die Küchenchefs begannen, meinen Reizen zu erliegen – und tun es bis heute.

Was versteht man unter Convenience Food?

Image: Monika Reiter

Alter, dein Ego!

Damals wie heute gilt: Manche übertreiben es. Gefrorenes Spiegelei, paniertes Tiefkühl-Schnitzel oder Fertig-Crêpes – das will ich nicht mehr sein. Was ich stattdessen sein will? Ich glaube, um diese Frage zu beantworten, muss ich – sorry – etwas ausholen. Schließlich gibt es bei all den Polemiken über mich regelmäßig Missverständnisse, was ich genau genommen bin. Ist der Würfel Butter, den sich der 3-Sterne-Koch von seinem Butterziegel schneidet, nicht ebenso ein Convenience-Produkt wie die Fischstäbchen, die sein Wirtshauskollege ein paar Straßen weiter lediglich aufzuwärmen braucht? Und wie verwerflich ist es tatsächlich, einen vorgegarten Bio-Brokkoli in der Pfanne zu finishen? Was ich damit sagen will: Ohne mich müsste wohl jeder Koch sein Bratöl selbst pressen – geschweige denn die Samen selbst anbauen – und herstellen. Was ich außerdem damit sagen will: Mich in all meinen Ausprägungen – auch den vergangenen – in einen Topf zu werfen, bringt doch keinem was. Im Gegenteil: In Zeiten des Fachkräftemangels und Corona bin ich doch das Gebot der Stunde, oder? Vor allem, da sich viele meiner Coaches und Optimierer wirklich ins Zeug legen. Aus dem größten Zeitfresser einer bürgerlichen Küche – der Kartoffel – werden da in bio Rösti, Puffer, Kroketten und Pürees hergestellt, die jedem Küchenchef mit zu wenig Personal den, pardon, Arsch retten können. Aber nicht nur gutbürgerliche Kartoffelgerichte zählen seit Neuestem zu meinen Stilblüten. Auch im High-End-Segment habe ich bekanntlich einiges zu bieten, selbst wenn niemand darüber sprechen will. Nur so viel: Es gibt mittlerweile Manufakturen, die mich in ihren verschiedensten Formen herstellen, die sie einfach wirklich sehr, sehr gut machen. Nicht selten sind dort Köche am Werk, die davor in den besten (Sterne-)Küchen der Welt tätig waren. Und wenn du als Küchenchef oder Gastronom etwas kaufen kannst, das unter allen Gesichtspunkten besser ist als dein eigenes Produkt – warum auf mich verzichten? Ich weiß, ich weiß: Vielen Herdapachen ist ihr eigenes Ego im Weg. Aber nachdem sie coronabedingt jetzt selbst Essen auf Rädern produzieren, das nicht selten Hunderte Kilometer weiter aufgewärmt oder auch eingefroren wird, legen sie ihre verstockten Vorurteile mir gegenüber vielleicht bald einmal ab. Ich finde: Ich hätte es verdient.
Und wenn ich so darüber nachdenke, habe ich es eigentlich ganz schön weit gebracht.

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