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Food and the City

Von: Lesezeit: 5 Minuten

„Wir müssen raus aus den Innenräumen, informellen Platz erobern!“ Fast klingt Jan Knikkers Aufruf zur Wiederbelebung der Innenstädte, als ziele er auf ein Guerillamanöver. Aber Knikker vertritt seine Ideen nun mal mit Vehemenz.

Er ist Partner bei MVRDV Architekten, leitet im Rotterdamer Headquarter die Abteilung Strategie & Entwicklung und propagiert als Sprachrohr des international erfolgreichen Architekturbüros eine Kehrtwende hin zu mehr Eigeninitiative, mehr Außenflächen, mehr Dichte und Diversität im innerstädtischen Raum.
Seit 1993 setzen MVRDV Zeichen im internationalen Städtebau – mit über 250 Mitarbeitern weltweit und Dependancen in China, Frankreich und Deutschland. Viel Ruhm bescherte ihnen die Rotterdamer Markthalle, die vor Corona jährlich zwischen acht und neun Millionen Besucher anzog. Was die Städte nach der Pandemie erwartet, was MVRDV mit der Idee des vertikalen Dorfes dagegensetzen möchten und wie die Gastronomie der Zukunft beschaffen sein sollte, verrät Jan Knikker im Zoom-Gespräch von seinem Homeoffice in Den Haag aus.

Innenstädte und deren Zukunft mit Gastro

Jan Knikker | Image: Allard van der Hoek

Jan Knikker, Foodthemen sind Ihre Leidenschaft. Warum?
Nun, Essen hat mit der Psyche des Menschen zu tun, das finde ich sehr spannend. Insofern reizt mich die soziale Komponente der Gastronomie. Außerdem koche ich selbst sehr gerne – gemeinsame Mahlzeiten erzeugen Gemütlichkeit. Es gibt für mich also mehrere gute Gründe, mich für Foodthemen zu begeistern.

MVRDV ist nicht zuletzt mit der Rotterdamer Markthalle bekannt geworden. Was ist das Besondere an dem Projekt?
Die Markthalle ist schon deswegen außergewöhnlich, weil wir mit einem Trick mehr Mittel als üblich zur Verfügung hatten – die sind wegen der vergleichsweise geringen Umsätze in Markthallen oft eher bescheiden. Wir hatten die Möglichkeit, zwei Apartmenthäuser mit 224 Wohnungen im 10. Stock hufeisenförmig miteinander zu verbinden und die riesige Halle, die so praktisch gratis entstand, beidseitig zu verglasen. Das Ergebnis hat etwas von einem viktorianischen Bahnhof, ein tolles Ambiente. Auch dank des 11 000 Quadratmeter großen Wand- und Deckengemäldes von Arno Coenen, einer modernen Interpretation der Stillleben holländischer Meister. So ist ein attraktiver sozialer Treffpunkt entstanden. Über dem ebenerdigen Markt befindet sich eine Etage mit gastronomischem Angebot, im Untergeschoss ist ein Supermarkt untergebracht und es gibt eine Tiefgarage für 1200 Autos.

Einkaufszentren und Gastronomie der Zukunft

„Markthall“ eine nachhaltige Kombination aus Essen, Freizeit, Wohnen und Parken | Image: MVRDV

MVRDV ist auch für städtebauliche und stadtplanerische Arbeiten bekannt. Wie gehen Sie an die Entwicklung solcher neuen Viertel heran?
Da wir in der ganzen Welt aktiv sind, können wir Tendenzen frühzeitig erkennen. Dass der Einzelhandel vor einer Transformation steht, war auch schon vor Corona offensichtlich. Insbesondere mittelständische Händler verschwanden mehr und mehr aus den Innenstädten, was auf das veränderte Kaufverhalten zurückzuführen ist. Heute kaufen viele Kunden entweder im Discounter oder sehr exklusiv und hochwertig ein, oft wird beides kombiniert. Kaufhäuser und Familienbetriebe sind wenig gefragt. Diese alteingesessenen mittelpreisigen Händler machen die Innenstädte aber gerade individuell. Dort, wo sie abwandern, droht eine Verödung, die Folge ist Leerstand und ein Einheitsbrei von Läden, die bleiben.

Wie kann man dieser Entwicklung begegnen?
Indem man die Innenstädte wieder gemütlich macht, nach dem Vorbild von Städten wie Kopenhagen oder Barcelona. Dort kann man alles in 15 Minuten erlaufen und es gibt ein Nebeneinander unterschiedlicher Kieze. Das modernistische Ideal der sauberen Trennung der Lebensbereiche eines Le Corbusier ist in unseren Augen überholt. Zumal eine neue Generation nachrückt, die weniger stark auf das Auto setzt und die Erlebnisse sucht statt reinem Konsum. Deshalb funktionieren auch die Shopping-Ghettos nicht mehr. In der Londoner Oxford Street, die gerade in eine Fußgängerzone transformiert wird, wird jetzt zum Beispiel Ladenfläche in Wohnraum verwandelt. Man kann auch darüber nachdenken, Vorlesungssäle für Universitäten in ehemaligen Kaufhäusern einzurichten.

Wie entwickelt sich die Gastro in der Zukunft

EXPO PAVILION 2.0 der ehemalige Expo-Pavillon in ein Co-Working-Bürogebäude umgewandelt und zwei neue Gebäude auf der den Pavillon umgebenden Fläche hinzugefügt werden | Image: MVRDV

Sie empfehlen einen bunten Mix – Wohnen, Gastronomie, Handwerksbetriebe, Einzelhandel – und dazwischen viel Grün. Wie kurzfristig lässt sich das umsetzen?
Schnell geht in der Architektur überhaupt nichts. Unsere heutigen Planungen werden in fünf oder zehn Jahren umgesetzt. Daher müssen wir die Zukunft immer ein bisschen vorausahnen und die Projekte flexibel gestalten.

Müssen solche Strukturen nicht auch organisch wachsen?
Schon, aber die Flexibilität hilft uns. Die Orte, die wir gestalten, können individuell genutzt werden: als Wohnraum, Gastronomie, für den Einzelhandel. Das ist keine Neuerfindung – das gab es früher schon und hat für durchmischte Stadtviertel gesorgt. Wir nennen es das vertikale Dorf.

Sie führen uns also zurück in die Zukunft?
Ja, mit Werten der Vergangenheit eine neue Zukunft schaffen, so könnte man unsere Intention vielleicht umreißen.

Stadtmitte Entwicklung und Gastro

Peruri 88 verbindet Jakartas Bedarf an Grünflächen mit dem Bedürfnis nach höherer Verdichtung | Image: MVRDV

Gastronomie ist ein Schlüssel für eine lebendige Innenstadt. Wie sieht gute Gastronomie aus?
Mit dem Rückzug des mittelständischen Einzelhandels hat die Gastronomie eine ganz wichtige Funktion bekommen. Sie wirkt wie eine Frischzellenkur für die Stadt. Wichtig ist dabei, dass sie Außenflächen erobert. Das kann auch informell geschehen, vorausgesetzt, die Anwohner haben kein Problem damit. Im Endeffekt ist ein Viertel mit mehr Außengastronomie einfach attraktiver. Es wird sicherer, es gibt mehr soziale Kontrolle, es wird gemütlicher – ich habe lieber essende Menschen vor meiner Haustür als vorbeifahrende Autos, die Parkplätze suchen.

Wie sehen attraktive Außenbereiche von Restaurants aus?
Es gibt Prognosen, nach denen die Corona-Pandemie einen nachhaltigen Einfluss auf die Gestaltung der Außenbereiche haben wird. Möglicherweise möchten die Menschen zukünftig nicht mehr so dicht zusammensitzen. Parkplätze sollten Outdoorflächen und Spielplätzen weichen. Es müsste mehr Fußgängerzonen geben. Um solche Dinge zu forcieren, erarbeiten wir auch gemeinsam mit Städten fußgängerfreundliche Verkehrsplanungen.

Fällt Ihnen ein Beispiel aus der Gastronomie ein, bei dem Ihrer Meinung nach ein neuer Ansatz schon erfolgreich umgesetzt wurde?
In Amsterdam gab es vor einiger Zeit einen Club samt Restaurant, der zur Interimsnutzung auf der obersten Etage eines leer stehenden Gebäudes eröffnet wurde. Die Location war mit einfachsten Mitteln eingerichtet, aber dort zu essen war ein echtes Erlebnis. So etwas könnte ich mir auch in leer stehenden Karstadt-Filialien vorstellen.

Zukunft der Restaurants in Städten

TENCENT CAMPUS ein ganzes Stadtviertel mit Büros, Wohnungen für Tencent-Mitarbeiter, Gewerbeeinheiten, öffentlichen Einrichtungen, Schulen und einem Konferenzzentrum | Image: Atchain, MVRDV

Es gibt die These, dass nach der Corona-Zeit weniger Restaurants besucht werden.
Da scheiden sich die Geister. Manche behaupten, alles kommt zurück. Im Tourismus sehe ich das auch so. Andere sagen: Wir haben jetzt kochen gelernt, uns an Lieferservices gewöhnt und möchten weniger Geld in der klassischen Gastronomie ausgeben. Auch das ist ein mögliches Szenario. In meinen Augen wird das aber nicht die klassischen Ausgehländer wie Spanien und Italien betreffen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Europa von der Spanischen Grippe heimgesucht. Dann brachen die Roaring Twenties an – das ist eine Vorstellung, die mich zuversichtlich stimmt. Denn dann brauchen wir ganz neue, tolle Restaurantkonzepte, die neben Genuss auch Erlebnisse versprechen.

Und das Thema Nachhaltigkeit?
Hier sind die Niederlande höchst innovativ. Auf den Festivals werden beispielsweise Zelte aus organischen Materialien genutzt, die später kompostiert werden. Es gibt da viele spannende Ansätze: Wenn wir nicht nur in veganen Restaurants essen gehen, sondern auf Böden tanzen, die unsere Energie in Elektrizität umwandeln, dann werden wir das mit ruhigem Gewissen tun können.

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