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FoodCampus Berlin – Zukunftsort für Ernährung

Von: Lesezeit: 4 Minuten

Arbeiten. Forschen. Produzieren. An einem Ort. In Berlin laufen die Planungen für ein außergewöhnliches Projekt, das sich an die produzierende Lebensmittelindustrie richtet – aber auch an Start-ups, Wissenschaftler, Köche und weitere Vordenker der Foodbranche. 2022 ist Grundsteinlegung.

„Wir müssen uns mit der Herausforderung beschäftigen, dass Lebensmittel bekanntermaßen für Biodiversitätsverluste und ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich sind.“ Jörg Reuter ist Agrarwirtschaftsstratege und seit März dieses Jahres Geschäftsführer der Artprojekt Nature & Nutrition GmbH, einer Tochter der Berliner Artprojekt Gruppe. Mit dem Posten hat der 52-Jährige eine ebenso anspruchsvolle wie überaus spannende Aufgabe übernommen: die inhaltliche Konzeptionierung und Kuratierung des FoodCampus Berlin.

Wie werden wir uns zuküftig ernähren? Zentrale Frage für Jörg Walter und FoodCampus Berlin

Jörg Walter von FoodCampus Berlin; Image: Sascha Walz

Ein „Zukunftsort für Ernährung“ möchte der FoodCampus sein. Realisiert wird das 180-Millionen-Euro-Projekt auf einem 14.000 Quadratmeter großen Areal direkt am Teltowkanal in Berlin-Tempelhof. Im Frühjahr 2022 soll der erste Spatenstich erfolgen, Anfang 2024 die Eröffnung. „Arbeiten. Forschen. Produzieren. An einem Ort“, so die Idee. Neben teils teilbaren Produktionsflächen und Laboren werden die rund 40.000 Quadratmeter Nutzfläche auch Versuchsküchen und andere Arbeitsplattformen beherbergen, außerdem eine Rooftop-Farm, Gastronomie und Eventflächen. Arbeitsplätze für 1.000 Menschen sollen hier entstehen und eine Community, die eines verbindet: das Wissen um die Wichtigkeit des Planetary-Health-Gedankens.

Die Zukunft der Lebensmittelproduktion neu denken

Mehr pflanzliche, weniger tierische Zutaten, das empfiehlt die „Planetary Health Diet“, die die EAT-Lancet-Kommission, eine Gruppe internationaler Wissenschaftler, vor zweieinhalb Jahren entwickelt hat. Das Ziel besteht darin, der gesamten Weltbevölkerung sowohl eine gesunde als auch eine ökologisch und sozial vertretbare Ernährung zu ermöglichen. Denn unser Speiseplan ist nun mal ursächlich für vieles. „Unser Ernährungsverhalten muss sich ändern, damit wir selbst gesünder werden, aber auch der Planet, auf dem wir leben. Dafür müssen wir unter anderem weniger tierische Proteine zu uns nehmen. Doch wie wir essen, folgt nicht in erster Linie dem Vernunftprinzip“, sagt Reuter.

Wie können wir mit neuen Food Konzepten unsere Zukunft verbessern? - Jörg Reutter, FoodCampus Berlin

Food Konzepte neu denken – Jörg Reutter; Image: Sascha Walz

Genau hier setzt der FoodCampus Berlin mit seinem Community-Gedanken an. „Zunächst einmal möchten wir eine Vielfalt an produzierenden und forschenden Unternehmen aus der Lebensmittelbranche zusammenbringen. Vielfalt ist für mich als Kurator wichtig. Mein Traum wäre, wenn wir beispielsweise eine Produktion von gutem pflanzenbasierten Fleischersatz mit Rohstoffen aus der Region hätten, außerdem zellbasierte Ansätze. Und wenn dann im Keller noch eine herausragende handwerkliche Salami aus bester Tierhaltung reifen würde, wäre das perfekt.“ Man sei bereits im Gespräch mit interessierten Unternehmen. Start-ups könnten vom Sharing-Modell und Accelerator-Programmen profitieren, etablierte Lebensmittelunternehmen von dem neuen Wissen, das auf dem FoodCampus Berlin generiert werden soll.

„Es geht ganz klar darum, nicht nur Räume zu teilen, sondern auch und vor allem Wissen. Deshalb wird ein Community Management dafür sorgen, dass der Ort dauerhaft kuratiert und gemanagt bleibt. Wir möchten auf dem FoodCampus außerdem eine Food-Education-Akademie für Köche und Servicepersonal etablieren.“ In Deutschland hinke die klassische Kochausbildung den Bedürfnissen teils hinterher, so Reuter. Des Weiteren sieht er in der Zusammenarbeit von Köchen und Start-ups eine große Zukunftschance. „Wir brauchen in der Food-Industrie das Know-how ambitionierter Köche, um das kulinarische Potenzial noch stärker auszuschöpfen, gerade in Sachen Fleischersatzprodukte.“

Weltrettung auf dem Teller

Reuter ist studierter Agraringenieur. Er ist Gründer der Strategieberatung „Grüne Köpfe“, hat als junger Mann auf Biobauernhöfen gearbeitet und im Pyrenäenvorland Schafe gemolken. Die Vision, Biolebensmittel aus der Nische zu holen, begleitet ihn seit Jahrzehnten. Dahinter steht ein initiales Erlebnis: „Auf dem ersten Biobauernhof, auf dem ich mit 20 gearbeitet habe, einem größeren Hof in Niedersachsen, war ich mal einen ganzen Freitag lang damit beschäftigt, die Möhren per Hand vom Unkraut zu befreien. Am Tag darauf musste ich um 4 Uhr raus und mit dem Gemüse auf den Wochenmarkt, und der erste Kunde, der zu mir kam, beschwerte sich darüber, dass die Demeter-Möhren so teuer seien.“ Reuter lacht. „Klar, der Kunde kann nicht wissen, wie viel Arbeit darin steckt. Deshalb habe ich mich später als Strategieberater immer zuallererst gefragt: Wie erreiche ich, dass gute Lebensmittel die ihnen gebührende Wertschätzung bekommen?“

Auch hier sind laut Reuter nicht zuletzt die Köche gefragt. „Bei der Weltrettung auf dem Teller spielen die Köche in meinen Augen eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Wie bekommt man die Menschen dazu, Gemüse in die Tellermitte zu rücken? Kulturell ist das vielen fremd und ihre Kochkunst ist begrenzt. Professionelle Köche können zeigen, dass es geht – dass man nichts vermisst, weder Fleisch noch Ersatzprodukte, wenn man nur die richtigen Gerichte kennt.“

 

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Essen ist eben auch kulinarisches Erbe, und so wird auf dem FoodCampus neben den Feldern Naturschutz und gesunde Ernährung noch ein weiteres beackert werden: das Spannungsfeld zwischen Foodtech und Foodtradition. Denn tatsächlich prägt die Sehnsucht nach Authentizität und Natürlichkeit das Konsumverhalten vieler Menschen. Doch aus globaler Perspektive muss man sich von nostalgischen Vorstellungen verabschieden. Wissenschaftliche Innovationen, auch aus dem Labor, sind im Food-Bereich nicht nur mit Blick auf Fleischersatz unverzichtbar. „Technologie ist das eine, aber es muss eben auch kulinarisch funktionieren. Spannend ist der Versuch, aus vermeintlichen Gegensätzen Synergien zu ziehen“, so Reuter.

Die geplante Kooperation mit dem Landgut Köllnitz, „um die Food-Start-ups zu erden und mit Landwirten zusammenzubringen“, kann als ein solcher Versuch betrachtet werden. Seit 800 Jahren gibt es die Brandenburger Traditionsfischerei Köllnitz, derzeit wird sie von der Artprojekt Nature & Nutrition durch Biolandwirtschaft ergänzt. Weitere Berlin-Brandenburg-Projekte könnten folgen. „Wir müssen diese Versorgungsachse neu denken. Zum Beispiel haben wir ja diesen enormen Markterfolg von Ersatzprodukten im Milch- und Fleischbereich, von Hafer- und Erbsenmilch etc. Der nächste logische Schritt muss sein, die Rohstoffe nicht mehr weltweit zu beschaffen, sondern Brandenburger Biohafer zu nutzen.

Leuchtturmprojekt FoodCampus

Soll auch die Rooftop-Farm des FoodCampus der Regionalität in die Hände spielen? „Tatsächlich glaube ich nicht unbedingt an die Wirtschaftlichkeit von Urban-Farming-Konzepten“, sagt Reuter. „Dafür gibt es in der Stadt zu viele gegenläufige Interessen, und wir brauchen die Dächer ja auch für die Energieversorgung.“ Für die Rooftop-Farm sei vorstellbar, dass etwa ein Viertel der Jungpflanzenproduktion raus an Höfe gehe und drei Viertel des Ertrags für die zukünftige Kantine des FoodCampus reserviert werde. „Wir sind der Meinung: Ein solch spektakulärer Ort wie der FoodCampus Berlin verlangt nach einer spektakulären Kantine. Dort soll alles sichtbar werden, was auf dem Campus produziert oder weiterentwickelt wird.“

Wie wird das Projekt FoodCampus Berlin aussehen?

FoodCampus Berlin – Zukunfts-Plattform für Ernährung und Klimaschutz. Arbeiten. Forschen. Produzieren. An einem Ort. Mitten in Berlin. Blick Richtung Südosten von der Teilestraße aus. Image: TCHOBAN VOSS Architekten

Denn auch um Sichtbarmachung geht es bei dem Vorzeigeprojekt. Teile der Produktion sollen gläsern sein, ein virtueller FoodCampus die Reichweite erhöhen. Und natürlich ist der Standort mitten in Berlin, nur 6,5 Kilometer Luftlinie vom Brandenburger Tor entfernt, nicht zufällig gewählt. In den letzten 30, 40 Jahren sei die Lebensmittelproduktion ein bisschen zur Black-Box geworden, sagt Reuter. Es sei an der Zeit, sie wieder sichtbar in die Stadt zu holen. „Wir sehen den FoodCampus als deutschlandweites, vielleicht europaweites oder weltweites Projekt, aber wir sind ganz bewusst in Berlin. Denn Berlin ist einfach ein Magnet, der weltweit Talente anzieht.“

 

Die Artprojekt Gruppe:

Immobilienwirtschaft, Hotellerie und Gastronomie, Naturschutz und gesunde Ernährung: Die Artprojekt ist ein Ökosystem aus verschiedenen Unternehmen bzw. Bereichen, die zusammen das große Ganze ergeben. Sämtliche Immobilienprojekte werden unter nachhaltigen und ökologischen Gesichtspunkten geplant und teilweise mit Gastronomie und Hotellerie bespielt und selbst betrieben. Diese Betriebe wirtschaften nach dem 70/70-Prinzip: Die zu verarbeitenden Produkte kommen zu 70 Prozent aus einem Radius von 70 Kilometern. Gerade hat die Artprojekt den Unternehmerpreis ‚Made in Berlin‘ gewonnen.

 

 

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