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Ein Trend, der glücklich macht: Healthy Hedonism

Von: Lesezeit: 4 Minuten
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Lang hat es gedauert. Wie oft haben wir uns bei unserer Nahrungsaufnahme selbst den Spaß verdorben? Kalorien zählend an Karotten geknabbert, Punkte zählend unser Gewicht bewacht. Egal, ob mit 6, 16 oder 60. Egal, ob Frau (ok, die etwas häufiger) oder Mann. Vorbei. Aus. Und vorbei. Endlich wissen wir: Das ist nicht gesund – weder für den Geist, die Seele, den Körper. Wer sich liebt, denkt um – und genießt sein Essen! Dann macht es nicht nur satt, sondern zufrieden. So macht essen Spaß: „Fühl dich glücklich! Fühl dich fit! Mit Happy Meals.“

Doch Moment mal. Klingt das nicht zu einfach? Essen und genießen. Warum der Sinnes- und Esskulturwandel? Woher kommt die neue Freiheit? Und wie geht das überhaupt? Essen wir uns jetzt alle wohlig rund?

KTCHNrebel hat nachgefragt bei Hanni Rützler, der bekannten österreichischen Ernährungs- und Trendforscherin, deren jährlicher Food Report in der Branche bereits seit 2014 als Barometer dafür gilt, wie der Verbraucher tickt und was er will.[1]

Sie erklärt, Verbraucher seien heute Gesundheits- und Wellness-Konsumenten. Während früher im Bewusstsein vieler Europäer der Gedanke verankert war: „Man ist, was man isst“ gilt heute „Du bist, was du nicht isst.“ „Wir fragen uns, was will ich sein – und lernen dementsprechend zu wählen. Essen und die Frage, was in den Einkaufswagen und auf den Tisch kommt, sind zu kritischen, komplexen Fragestellungen geworden. Gesellschaftlich, politisch, aber auch individuell. Jeder versucht für sich die richtige Wahl zu treffen“, so die Expertin. Diese Wahlfreiheit macht die Esskultur eines Healthy Hedonism erst möglich. Besonders die Generation der nach 1980 Geborenen pflegt dieses Bewusstsein. Im Verzeichnis der Food Trends 2019 haben Rützler und ihr Team dies als eine der wichtigsten Entwicklungen markiert.

Genuss – aber bitte nicht grenzenlos

Aber was eigentlich heißt Hedonismus? Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet hēdonḗ Vergnügen, Genuss oder Lust. Wer hedonistisch denkt, richtet sein Leben auf Genuss, die Freude des Augenblicks und das Vermeiden von Leid aus. Kurz gesagt: Hedonistisch lebt, wer nach dem Lustprinzip lebt. Und das ist in – zumindest, was das Essen angeht.

Gesundheitsbewusstes Essen, Reife Tomaten, Future Food Trends

Image: Nicole Heiling

Doch Achtung! Wer jetzt glaubt, wer mit Lust isst, nascht Nougatpralinés, genießt die Pasta (wieder) mit cremiger Sahnesauce und den Braten auch mal fettig, irrt. Zumindest in Europa gehört, so Hanni Rützler, zur hedonistischen Esskultur die Komponente des Weglassens. Manch einer mag das als Verzicht empfinden. Tatsächlich hat, wer gesundheitsbewusst is(s)t, einfach mehr Lust auf Gutes. Hedonismus führt dazu, Gesundheit und Genuss zu verbinden – und individuelle Lösungen zu suchen, damit genau das gelingt.

Bei den Amerikanern, wo der Healthy Hedonism schon seit 2016 gut ankommt, wird dagegen in Sachen Verzicht schon mal ein wenig getrickst. Denn hier sind Cheat Days ein Thema, was laut Marian Salzman, einer der Top Five Trendentdeckerinnen Amerikas zwar keine neue Idee, aber eine perfide Form des Hedonismus sei. Mal wird gegessen wie ein Mönch, dann wieder wie ein übertriebener Foodhedonist.

Healthy Hedonism macht das möglich, weil zur Wahlfreiheit auch gehört, dass es kaum Regeln gibt. Dazu Salzman in einem Forbes-Beitrag zum Thema Next in nutrition: „Es gibt kaum noch Essensregeln und Ausnahmen von fast allem. Es gibt keine absoluten Richtlinien und Werte.“

Wer die Wahl hat, hat die Qual

…denn wer gesund und hedonistisch lebt, muss schon selbst entscheiden, was er isst und was nicht. Glücklicherweise gelingt das der jungen Generation intuitiv. Das nimmt ihr den Stress, den kaloriengeplagte ältere Generationen litten. Dazu Hanni Rützler: „Mit einem neuen Verständnis für Gesundheit und großem Know how über Zusammenhänge von Gesundheit und Ernährung haben viele Konsumenten gelernt, dass nicht jedem das gleiche Essen gut tut. Sie bringen ihr persönliches Energie-Level und das, was sie essen, in unmittelbare Verbindung.“

Wer von euch kommt noch ohne zählende und piepende Fitness-App oder -Uhr, die ihn an die nächsten Schritte erinnert, ans Ziel? Diese kleinen Helfer machen es so viel leichter zu kalkulieren, was der Körper zum Gesund-sein und -bleiben braucht. Mehr und mehr Menschen verzichten ohnehin auf Allergene, müssen ärztlich verordnet Laktose oder Gluten weglassen. Das kann offenbar nicht schaden. Also probieren es auch Gesunde.

Future Food Trends

Image: Andreas Jakwerth

Rützler bezeichnet den heutigen Ess- und Konsumententyp als pro-aktiv. Marian Salzman sieht das ähnlich: „Wir alle definieren, was Gesundheit für uns selbst bedeutet, aber es besteht kein Zweifel, dass Healthy eine schnell wachsende Nische in allen Branchen und im Marketing ist, die alle Arten von Inhalten enthält, um gut zu leben. Es ist ein Lebensstil.“

Gut für uns – und unseren Planeten?

Gesund zu leben und zu essen hat, so Hanni Rützler, in den jüngeren Generationen auch eine ethisch-moralische und sogar politische Komponente: Lebensmittelqualität steht auf dem Prüfstand, Massentierhaltung wird nicht mehr arglos respektiert, Genmanipulation wird lange diskutiert (ehe es sich durchsetzt).

Positiv bedeutet pro-aktiv zu leben und zu essen, also auch sich viel radikaler als frühere Nahrungsaufnehmer mit dem auseinander zu setzen, was der Handel anbietet und neugieriger auf Neues zu sein. Jüngere Konsumenten und Kunden fordern Transparenz und begegnen dem Markt und dem gastronomischen Angebot mit höheren Ansprüchen. Ihr Vertrauen müssen sich Anbieter erst erwerben.

Im Kern bedeutet alles zusammen für Hanni Rützler, dass Ernährung im Zeitalter des Healthy Hedonism individueller und vielfältiger wird. Landwirtschaft, Lebensmittelhandel und Foodindustrie sind gefordert, dem gerecht zu werden. Der Konsument wird zu einem aktiven Player – gegessen wird eben nicht, was auf den Tisch kommt. Die Foodindustrie muss zum Inspirator werden – und sich umstellen.

Und die Gastronomie? Sie muss zeigen, dass sie noch kochen kann. Denn, so Hanni Rützler: „Warum soll der Gast zum Gastronomen kommen, wenn ihn – Stichwort Convenience – im Restaurant nur erwartet, was er selbst schnell und einfach auch zu Hause zubereiten kann?“

 

Zur Person:

Hanni Rützler ist immer auf der Suche nach den wichtigsten Trends der Szene und gilt als eine Pionierin der Ernährungswissenschaft. Sie arbeitet als Beraterin und Forscherin mit einem multidisziplinären Zugang zu Fragen des Ess- und Trinkverhaltens. Legendär wurde ihre Verkostung des ersten In-Vitro-Burgers in London – damit wurde sie weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt. Hanni Rützler teilt ihr Wissen in zahlreichen Büchern und Studien, als Referentin auf Tagungen und Kongressen und als Leiterin von Workshops.

Mehr über sie und eine Liste ihrer Publikationen findet ihr auf http://presse.futurefoodstudio.at/

 

 

[1] Der jährliche Food Report von Hanni Rützler erscheint in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsinstitut Frankfurt am Main und in Kooperation mit der Lebensmittelzeitung. Food Report 2019 | Hanni Rützler, Wolfgang Reiter | Mai 2018 | 112 Seiten | ISBN 978-3-945647-50-9 | 125,- zzgl. MwSt.

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