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Das Fleisch aus der Materie

Von: Lesezeit: 4 Minuten

Carrie Chan, Geschäftsführerin von Avant Meats, erklärt das Verfahren für eine besonders nachhaltige und energieeffiziente Alternative zur konventionellen Fleischerzeugung: In-vitro-Fleisch. Die Unternehmerin hat 2015 auf vegane Ernährung umgestellt. Doch schon bald wurde ihr klar, dass es angesichts der Bedrohung unseres Planeten durch die Fleischindustrie nicht ausreicht, nur Verwandte und Freunde zum Umstieg auf veganes Essen zu bewegen. 

Um der traditionell sehr fleischlastigen Lebensmittelindustrie etwas entgegenzusetzen, musste sie selbst aktiv werden – und so machte sie sich daran, nach eigenen nachhaltigen, energieeffizienten und umweltfreundlichen Alternativen zu suchen. Hier spricht sie mit Romilly Leech über ihr Unternehmen und dessen ehrgeizige Ziele.

Was hat Sie dazu bewogen, in die In-vitro-Fleischproduktion einzusteigen?

Die Sache hat vor fünf Jahren begonnen, als ich auf eine rein pflanzliche Ernährung umgestiegen bin und erkannt habe, dass dies nicht nur gut für die Umwelt ist, sondern es kommt auch meiner körperlichen und geistigen Gesundheit zugute. Ich habe versucht, Freunde und Verwandte zum Wechsel auf diese Diät zu überreden, aber das war nicht leicht. Die Ernährung ist in unserer Kultur nun mal sehr fleischlastig. Angesichts des zunehmend bedrohlichen Klimawandels und der Auswirkungen der Fleischindustrie auf unseren Planeten wurde mir klar, dass ich sinnvoll vorgehen muss, wenn ich die Umweltbelastungen verringern will, ohne dass alle dafür komplett ihre Gewohnheiten aufgeben müssen.

Wie ist Avant Meats entstanden?

Im Jahr 2018 habe ich an einer Konferenz in den USA teilgenommen und dort viel über alternative und pflanzliche Proteine erfahren. Ich habe festgestellt, dass einige Unternehmen bereits mithilfe wissenschaftlicher Methoden und Medizintechnik Proteine herstellen. Das fand ich faszinierend, weil ich so mit meinen Freunden und Verwandten keine Diskussionen mehr über Ernährungsumstellung und Fleischverzicht führen musste. Zu der Zeit hat nur ein Anbieter aus Japan und einer aus Singapur kultiviertes Fleisch hergestellt, es gab nicht einmal ein Start-up aus China. Insofern dachte ich, wenn ich ein paar Mitstreiter finde, könnte ich das auch versuchen. Und so ist Avant Meats entstanden.

Carrie Chan ist Besitzerin eines Restaurants für veganes Essen.

Image: avant

Was sind die Ziele des Unternehmens?

Wir wollen eine nachhaltige und energieeffiziente Alternative zur konventionellen Landwirtschaft und Fischerei für Verbraucher bieten, die bei ihrer Ernährung weder auf Fleisch noch auf tierisches Eiweiß verzichten möchten.

Können Sie erklären, mit welchen Verfahren kultiviertes Fleisch entsteht?

Wir erstellen eine unsterbliche Zelllinie, züchten Stammzellen in Zellkulturen und machen daraus Fleischerzeugnisse. Tiere verfügen über eine bestimmte Population von Zellen mit regenerativen Eigenschaften. Das sind die so genannten Stammzellen. Bei diesem Verfahren wird dem Tier eine kleine Gewebeprobe entnommen, um diese regenerativen Zellen zu gewinnen. Diese lassen wir dann unter bestimmten Bedingungen außerhalb des Tierkörpers gesund anwachsen. Es dauert ein paar Monate, bis sich die Zellen an die neue Umgebung gewöhnt haben und sich wieder vermehren. Sobald die Population auf eine bestimmte Größe angewachsen ist, wird sie eingefroren und gelagert. Wenn wir die Zellen dann zur Regeneration brauchen, bringen wir sie wieder auf ihre optimale Temperatur, sodass sie sich erneut vermehren können.

Wie lange dauert das?

Der Aufbau einer Zelllinie dauert etwa drei bis vier Monate, von der Entnahme des Gewebes über die Bestimmung des benötigten Gewebes bis zur Aufzucht einer entsprechenden Population. Die Entwicklung des eigentlichen Produkts geht dann relativ zügig und dauert nur etwa eineinhalb bis zwei Monate für jede Produktionscharge. Insgesamt sprechen wir also von einem Zeitraum von vier bis sechs Monaten.

Was sind für Sie die größten Probleme in der konventionellen Fleischerzeugung?

Die Energieeffizienz ist ein massives Problem in der Fleischindustrie. Von hundert Energieeinheiten, die einem Tier über das Futter zugeführt werden, wird der Großteil für Wachstum und Bewegung verbraucht. Nur zehn Energieeinheiten gelangen in das Endprodukt. Zudem sind Zuchttiere häufig schädlichen Substanzen aus Abwässern, Abfällen, Antibiotika oder Mikroplastik ausgesetzt, die beim Verzehr des Endprodukts gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Dazu kommen noch die Auswirkungen durch die Landwirtschaft, wie Waldrodung, Methanproduktion oder die Verschmutzung von Gewässern durch tierische Abfälle.

Lecker aussehendes vegetarisches Gericht mit roter Beete, Mango, Passionsfrucht und Avocado.

Image: avant

Wie könnte kultiviertes Fleisch Ihrer Meinung nach zur Lösung dieser Probleme beitragen?

Mithilfe der Stammzellenmethode kann Fleisch deutlich effizienter und schneller erzeugt werden. Unsere Produkte sind sauberer und sicherer. Sie enthalten keine Schwermetalle, Mikroplastikpartikel, Antibiotika oder sonstigen meeresverschmutzenden Stoffe. Sie sind zudem nachhaltig, weil für die Erzeugung nicht dauerhaft Fische gefangen, gezüchtet oder geschlachtet werden müssen. Es ist auch ein viel schnelleres Produktionsmittel.

Ihr erstes Produkt ist Fischblase. Wie kam es zu dieser Wahl? 

Die Fischblase, die Schwimmblase von Fischen, war schon immer wegen ihres reinen und hochwertigen Proteins und ihrer gesundheitlichen Vorzüge begehrt. Die wegen ihrer Schwimmblase beliebteste Fischart, der Bahaba, ist aber überfischt und steht kurz vor dem Aussterben. Inzwischen steht die Art unter Schutz, wird aber immer noch gehandelt. Deshalb haben wir mit Fischblasen angefangen, nicht zuletzt, weil das Produkt zu hohen Preisen gehandelt wird. Derzeit lohnt sich die Produktion für uns nur, weil wir damit einen hohen Verkaufspreis erzielen können.

Was sind die aktuellen Preispunkte für die Erzeuger und wie verkaufsfähig ist Ihr Produkt in der Massenproduktion?

Wenn wir 100 Dollar pro Kilo Produktionskosten erzielen, sind wir an einem Punkt, an dem wir ohne Verluste verkaufen.

Im Hinblick auf unseren Pilotmaßstab wollen wir im ersten Halbjahr 2021 einen größeren Raum für das Labor beschaffen und dann eine Testproduktion starten. Unsere größten Probleme sind weniger der Preis oder die Größenverhältnisse. Was uns momentan am meisten zu schaffen macht, sind die gesetzlichen Hürden. Derzeit bestehen von staatlicher Seite noch keine gesetzlichen Regelungen für diese Art der Fleischerzeugung. Die USA, Singapur, China und Japan arbeiten noch daran. Ab 2022 oder 2023 können wir den Verkauf starten – vorausgesetzt, wir haben bis 2021 oder 2022 die entsprechende Gesetzgebung.

Wie sehen Sie die Entwicklungen von In-vitro-Fleisch in der Zukunft?

Ich glaube, unsere Welt ist ausgesprochen vielfältig. Die Menschen legen sich heutzutage in ihren Ernährungsgewohnheiten weniger fest: Manche wollen weiterhin Fleisch essen, andere sind mal Veganer, dann wieder Vegetarier. Laut Prognosen der Weltbank der Vereinten Nationen sollen bis 2040 in den USA 35 % der Proteinprodukte aus Zuchtfleisch bestehen. Das ist ein Anstieg von 41 % gegenüber heute.

Wie ist es für Sie als Veganerin, ein Unternehmen in der Fleischerzeugung zu leiten?

Die Beweggründe für eine vegane oder vegetarische Lebensweise sind ganz unterschiedlich und reichen von der Umweltproblematik bei der konventionellen Fleischproduktion bis hin zu Sorge ums Wohl der Tiere. Ich selbst würde kultiviertes Fleisch essen, weil es umweltfreundlicher ist, denn meine Entscheidung für eine pflanzliche Ernährung hatte ökologische Gründe. Außerdem möchte ich nicht dauerhaft gesundheitsschädliche Substanzen wie Antibiotika oder Schwermetalle zu mir nehmen.

Wie soll die Erfolgsgeschichte von Avant Meats in der Zukunft aussehen?

Das ist eine spannende Frage! Wir möchten ein anerkannter Anbieter im Bereich Lebensmittelzutaten werden, ein wichtiges Rädchen in der Lebensmittelproduktion der Zukunft. Und wir wollen eine bekannte Marke sein, die für hochwertige saubere und nachhaltige Proteine steht.

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