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Koch um dein Leben! So erkochte sich Masterchef Shipra Khanna ihre Freiheit

Von: Lesezeit: 3 Minuten
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Die Uhr tickt langsam runter. Nur noch zwei Minuten verbleiben, und es stehen noch nicht ansatzweise alle 100 Gerichte bereit. Eine junge Frau und ihr Rivale wirbeln durch eine winzige Show-Küche, während um sie herum das Chaos tobt. Die überambitionierten Moderatoren spornen die beiden Rivalen an, das Publikum fiebert laut mit – Küchen-Stress auf einem neuen Level. Braten, abschmecken, anrichten: Jetzt muss alles schnell gehen, denn Zeit ist Geld wert – in dieser Koch-Show umgerechnet etwa 100.000 Euro. Die letzten Sekunden laufen ab und dann: Stille.

Mit souveräner Miene serviert die junge Inderin einen Klassiker ihrer Heimat: saftiges Hühnchen nach Tandoori-Art. Die kräftigen Aromen von Chili, Paprika und Kurkuma kitzeln die 100 kritischen Gaumen der Jury – so schmeckt indisches Essen in Perfektion. Und dann, eine kurze Beratung und eine endlos lange Werbepause später, ist der Spuk plötzlich vorbei: Masterchef India, ein Ableger der bekannten US-amerikanischen Koch-Show, hat eine neue Siegerin! Ihr geschlagener Konkurrent gratuliert. Gehört sich ja so, auch wenn es wehtut. Die Menge tobt, die Moderatoren überschlagen sich. Nur die Gewinnerin, die scheint in sich zu ruhen. Kein Wunder, denn eines hat sich die Gewinnerin von Masterchef India vorgenommen: Sie hat genug geweint.

Die junge Frau ist Shipra Khanna. Mit damals 29 Jahren ist sie die fulminante Siegerin der kulinarischen Küchenschlacht Masterchef und Kochen hat ihr Leben gerettet.

Mit Masalla zu Masterchef

Shipra Khanna konnte sich 2012 gegen zwölf Mitstreiter in der zweiten Staffel von Masterchef India durchsetzen. Sie zählt zu den beliebtesten Persönlichkeiten Indiens, hat zahlreiche Kochbücher veröffentlicht und ist wohl der beliebteste weibliche Fernsehkoch Indiens. Ihr Instagram-Account zeigt eine stylische Frau, die mit Mode so gekonnt hantiert, wie sie Daal Reis zubereitet. Ein perfekter Werdegang würde man meinen, oder? Leider Nein. Shipra hat ein Schicksal erlitten, das in ihrer Heimat Indien viele ihrer Geschlechtsgenossinnen teilen. Als sehr junge Frau verheiratet, musste sie über mehrere Jahre einen Ehemann ertragen, der weder vor physischer noch vor psychischer Gewalt zurückschreckte.

Ihr einziger Trost in dieser Zeit: Ihre beiden Kinder und die Flucht in kulinarische Experimente am heimischen Herd. Es würde so kitschig klingeln, wenn es nicht wahr wäre. Ihre Tochter leidet seit ihrer Geburt an einer körperlichen Behinderung, darf nicht außer Haus essen und muss ihr Gewicht konstant niedrig halten. Not macht jeden erfinderisch und so auch Masterchef Shipra Khanna. Die junge Mutter beginnt kreativ zu werden, wandelt das Lieblings-Fast-Food ihrer Tochter zu leichteren Varianten um, kreiert indische Klassiker mit modernem Twist und italienischem delizioso.

Dann eines Tages der Bruch. Während eines Wortgefechts greift ihr Mann ihren Vater an und Shipra wird klar, dass sie dieses Leben nicht mehr führen kann. Sie geht, blickt nicht zurück und kämpft in einem erbitterten Scheidungskrieg um das Sorgerecht.

Schließlich ist es ihre Mutter, die Shipra in all dem emotionalen Chaos bei Masterchef India anmeldet. Der Rest ist Geschichte. Ironischerweise war es das antiquierte Rollenbild ihres Mannes, das Shipra letztlich zum Spitzenstar in der Gastroszene machte. Was über viele Jahre als eine Art Therapie funktionierte, wurde zu ihrer schärfsten Waffe. Shipra erkochte sich ihre Freiheit.

You Khanna always get what you want 

Trotz ihrer Vergangenheit braucht Shipra Khanna keinen Mitleidsbonus; ganz im Gegenteil. Masterchef gewinnt nicht jeder einfach so, weder in Indien noch in anderen Ländern. Obwohl das jeder zu wissen scheint, drängt sich das Gefühl auf, Shipra müsse sich in Interviews immer rechtfertigen. Ja, es ist viel Arbeit und ja, sie hat gekämpft. In einem Interview wurde ihr die Frage gestellt, warum sie denn nicht Bollywood-Schauspielerin geworden sei – bei dem Aussehen…! Weil es da nicht primär um Essen und Koche gehe, lautete ihre Antwort. Touché. In Bollywood wäre ihr Talent auch tatsächlich verschwendet – denn Talent, das hat die Frau. Ihre Paradedisziplin ist indisches Essen mit moderner Note. Von Safranreis bis Hühnchen mit Papaya Glasur zeigt sie, was ihre Heimatküche wirklich kann, denn das sind nicht nur Gewürze, die einem die Flammen aus dem Hals schlagen lassen…und Koriander.

Ein eigenes Restaurant wäre jetzt die logische Konsequenz, oder? Nicht, wenn es nach India‘s most glamorous chef geht (Ja, ein offiziell verliehener Titel). Shipra Khanna gibt Seminare, schreibt Ratgeber zu Lebensmitteln, die die Hirnleistung fördern und setzt sich in Ted Talks zu Food-Themen unermüdlich für die gesunde Ernährung von Kindern ein. Der eigene Laden wird kommen, da ist sie sich sicher, aber nach Jahren des Schweigens hat Shipra einfach noch viel zu sagen. Denn sie hat eine Mission und die führt viel weiter, als der Sieg in einer Koch Show oder ihre Instagram-Selfies: Sie möchte ein neues Bewusstsein für Lebensmittel schaffen, eine Leidenschaft, die über den reinen Genuss hinausgeht. Und sie weiß: Die Basis für Erfolg ist der unbeirrbare Glaube an sich selbst und der Mut, sich immer neu zu erfinden. Das gilt für die Gastronomie vielleicht noch mehr als für jede andere Branche.

Feed your girl child – von Currys und Courage

Neben all ihren Vorträgen ist es ein bestimmtes Event, das zeigt: Shipra Khanna hat keine Minute zu früh die kulinarische Bühne betreten. Natürlich erwarteten die Zuschauer auch bei diesem Ted Talk Food-Themen. Klar, sie ist ja auch Köchin. Doch Shipra reicht das nicht. Mit fester Stimme erzählt sie im Ted Talk Feed your girl child von ständigen Rückschlägen in ihrer gastronomischen Vergangenheit, von Diskriminierung und Absagen. Einzig und allein deshalb, weil sie als Köchin nicht erst genommen wurde. Sie appelliert an Eltern, ihren Töchtern von Anfang an beizubringen, dass sie nie unter ihren männlichen Verwandten stehen und wie wichtig der Respekt vor der eigenen Person ist. Dabei klagt sie niemanden an, außer vielleicht die veralteten Konventionen, die ihr Leben so lange beeinflusst haben. Und ja, natürlich klingen Aussagen wie „You can do it. No matter what.“ zuweilen hohl. Denn nicht jeder schafft alles, nur weil der Wille stark ist. Aber wer ihr zuhört, will es glauben und will seinen Träumen folgen. Denn letztlich ist der Schlüssel zum Erfolg eine innovative Idee sowie der Glaube daran, dass sie funktioniert. Und so ist ihr seltsam anmutender Karottenkuchen mit Garam Masala, den Sie in einer Episode von Masterchef India vorstellte, einmal mehr ein Plädoyer für neue Geschmäcker und die endlose Erkundung kulinarischen Neulands.

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